Gute Streetfotografie entsteht nicht aus Zufall – sondern aus Aufmerksamkeit. Es gibt Orte, die haben etwas. Du weißt vielleicht nicht sofort, was genau es ist, aber du spürst: Hier könnte etwas passieren. Doch wie erkennt man solche Orte – und wie nutzt man ihr fotografisches Potenzial?

Die stille Bühne

Stell dir vor, du schlenderst durch die Stadt.

Menschen eilen vorbei, Autos rauschen, Lichter flackern.

Nichts drängt sich dir auf – bis du plötzlich an einem Ort stehen bleibst.

Es ist nicht spektakulär, aber irgendetwas daran hält dich fest.

Das Licht?

Die Anordnung?

Die Atmosphäre?

Solche Orte sind das, was Streetfotograf Jens Krauer in der Podcast-Folge über die Entstehung seines Buches “In Plain Sight”* (“72 Bilder, 10 Jahre, 1 Mission: Street Photography mit Seele und Tiefe”) als Einstiegspunkte beschreibt – Plätze, an denen sich etwas verdichten kann.

Sie wirken wie kleine Bühnen, auf denen das Leben jeden Moment eine Szene beginnen könnte. Um sie zu erkennen, braucht es vor allem eins: Aufmerksamkeit.

Und ein Verständnis dafür, wie urbane Räume funktionieren.

Routine statt Reizüberflutung: Wie man Orte liest

Jens Krauer verbringt regelmäßig mehrere Wochen in Städten wie New York oder Istanbul. Dort entwickelt er keine wilden Entdeckerstrategien, sondern eine Art fotografische Routine.

Statt ständig Neues zu suchen, kehrt er bewusst immer wieder an dieselben Orte zurück.

Diese Wiederholung schafft Vertrautheit – mit dem Licht, dem Rhythmus der Menschen, den wechselnden Szenerien.

Gerade in der Streetfotografie geht es nicht darum, auf Knopfdruck Sensationen einzufangen. Vielmehr besteht ein Großteil der Arbeit darin, genau hinzusehen:

  • Welche Straßenfluchten verändern sich mit dem Licht?

  • Wo kreuzen sich Wege von Passanten immer wieder?

  • Welche Orte wirken aufgeladen – ohne zu viel zu verraten?

Diese Herangehensweise hat etwas Meditatives.

Jens spricht in diesem Zusammenhang von einem „Street Zen“ – einem Zustand, in den man durch tägliches Gehen, Schauen und Warten hineinwächst.

Diesen Begriff nutzt auch der US-amerikanische Streetfotograf Rinzi Ruiz.

Wer sich regelmäßig dem städtischen Leben aussetzt, entwickelt ein Gespür für Momente, bevor sie entstehen.

Worauf du achten kannst: Elemente mit Potenzial

Nicht jeder Ort ist gleich ergiebig.

Drei Faktoren helfen dir dabei, Räume mit fotografischem Potenzial zu identifizieren:

Licht

Das Spiel von Licht und Schatten ist essenziell. Besonders in Städten, wo Architektur das Licht lenkt, entstehen interessante Kontraste: Lichtkorridore zwischen Häusern, Reflexionen an Glasflächen oder dramatische Silhouetten in der Abendsonne. Wenn du weißt, wann an einem bestimmten Ort welches Licht fällt, kannst du gezielt darauf warten.

Struktur

Gute Orte bieten Klarheit – visuell und kompositorisch. Achte auf geometrische Elemente: Linien, Symmetrien, Fluchten. Ein sauberer Hintergrund, ruhige Wände oder interessante Texturen können deinem Bild Halt geben, selbst wenn es auf den ersten Blick unspektakulär wirkt.

Frequenz

Manche Orte leben von der Bewegung. Bahnhofsunterführungen, Marktstraßen, Ecken mit viel Fußverkehr – sie bringen Menschen ins Bild, und damit Geschichten. Entscheidend ist, dass du das Verhalten dort beobachtest: Wie bewegen sich die Leute? Wo bleiben sie stehen? Wo prallen unterschiedliche Welten aufeinander

Ankommen statt Jagen: Was passiert, wenn du bleibst

Wenn Jens einen Ort mit Potenzial gefunden hat, bleibt er.

Manchmal eine halbe Stunde, manchmal länger. Er beobachtet, ohne zu drängen.

Dabei sucht er nicht nach dem “einen” Moment – sondern lässt sich auf das ein, was vor ihm liegt.

Entscheidend ist die Haltung: präsent sein, ohne etwas erzwingen zu wollen.

Er arbeitet mit einer klaren inneren Struktur: zuerst beobachten und antizipieren, dann interpretieren, schließlich positionieren – und erst zum Schluss auslösen.

Das Bild entsteht also nicht im Moment des Klicks, sondern schon lange davor – im Kopf, im Raum, im Rhythmus der Umgebung.

Zwischen Struktur und Intuition

Trotz seiner Routinen lässt Jens Raum für Intuition.

Zwar kennt er seine Wege gut, doch immer wieder biegt er spontan anders ab, folgt einem Gefühl, wechselt die Perspektive.

Gerade das macht den Prozess lebendig.

Es geht nicht um Kontrolle, sondern um ein waches Gespür für das, was möglich ist.

Wichtig ist dabei auch, mit Konzentrationsschwankungen umzugehen. Kein Mensch kann stundenlang auf höchstem Level wahrnehmen. Aber wer offen bleibt, erkennt die Momente, in denen sich etwas auflädt – und kann dann im richtigen Moment reagieren.

Praxis-Tipp: Die Spot-Challenge für dich

Du willst das selbst ausprobieren? Hier eine kleine Challenge:

Wähle einen Ort in deiner Stadt, der dich aus irgendeinem Grund anspricht – visuell, atmosphärisch oder emotional.

Gehe dort drei Mal hin – an verschiedenen Tagen, zu unterschiedlichen Uhrzeiten.

Verweile mindestens 30 Minuten, ohne sofort zu fotografieren. Beobachte, wie sich der Ort verändert.

Nutze Jens’ Methode: Antizipiere, interpretiere, positioniere, dokumentiere.

Mach ein bis drei Fotos, die nicht aus dem Moment heraus entstehen – sondern aus dem Raum, der Zeit und deinem Bewusstsein für den Ort.

Wenn du möchtest, teile deine Bilder oder deine Erfahrung online – oder einfach für dich selbst.

Wichtig ist nur: Du wirst sehen, wie anders du schaust, wenn du dir Zeit nimmst.

Orte zeigen sich denen, die hinschauen.

Der perfekte fotografische Spot ist oft keiner, der sich aufdrängt.

Im Gegenteil: Die stärksten Bilder entstehen an Orten, die du erst sehen lernst.

Jens Krauer zeigt, dass Streetfotografie nicht darin besteht, Momentaufnahmen zu jagen – sondern darin, Räume zu erspüren, Geduld zu kultivieren und mit Präsenz zu arbeiten.

Der fotografische Blick entsteht nicht durch Technik, sondern durch Geduld und Wahrnehmung.

Du möchtest Feedback zu deinen Street-Bildern?

Mit den Teilnehmer:innen der Visual Storytelling Akademie von “Abenteuer Reportagefotografie” veranstalten wir regelmäßige Bildbesprechungen bei Zoom.

Dabei bekommst du konstruktives Feedback zu deinen eingereichten Street-Bildern und lernst aus den Diskussionen mit den anderen.